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17-04-19
Rubrik: Pressebericht, Fessenheim
Zwei Sprachen, eine Stimme

BZ-Plus BZ-SERIE: Deutsche und Franzosen kämpfen gemeinsam für die Stilllegung des Akw in Fessenheim.


Mit Gesang und Crémant gegen das Akw in Fessenheim: Montagsmahnwache in Breisach Foto: Julius Steckmeister

BREISACH. Aus dem Breisacher Stadtbild ist sie kaum mehr wegzudenken: die Montagsmahnwache auf dem Neutorplatz. Seit acht Jahren kämpfen allwöchentlich zum Wochenauftakt Deutsche und Franzosen Seite an Seite mit einem friedlichen "Get together" für die Abschaltung von Frankreichs ältestem Atomkraftwerk im nahen Fessenheim. Was auf der deutschen Rheinseite inzwischen längst Konsens ist, spaltet in Frankreich bisweilen noch die Geister – und manchmal auch ganze Dörfer.

Pünktlich um 18 Uhr rollt ein schwarzer Kombi am Neutorplatz ein, auf dem Dach eine neongelber Tonne, die das Strahlenwarnzeichen trägt. Eingefunden haben sich schon rund zwei Dutzend eher älterer Herrschaften, zumeist ausgerüstet mit Accessoires wie Anti-Atomkraft-Flaggen oder -Buttons, um, wie jeden Montag seit dem 18. April 2011, gegen die Nutzung von Atomstrom im Allgemeinen und für die Schließung des Akw in Fessenheim im Speziellen zu demonstrieren. Im Auto sitzt Gustav Rosa, Initiator der Mahnwache. Er ist Vermessungsingenieur, Mitglied im Breisacher SPD-Ortsverein, auf den die Demo auch angemeldet ist, und leidenschaftlicher Kämpfer gegen den französischen Risiko-Reaktor. 417 Mahnwachen hat es seit 2011 gegeben. Nur bei vieren hat Rosa gefehlt.

Viel Schelte habe man sich gerade in den ersten Jahren anhören müssen, sagte der Montagsmahnwachen-Macher mit Blick zurück, denn vor acht Jahren – die Mahnwache hatte Rosa damals als Reaktion auf das Reaktorunglück im japanischen Fukushima ins Leben gerufen – sei auch in Deutschland die Forderung nach der Abschaltung des französischen Akw keinesfalls überall gleichermaßen hoffähig gewesen.

"Wir sind überzeugt, dass sich einige freuen, wenn das Akw zu ist. Aber viele trauen sich nicht, das zu sagen."
Denis Hassenfratz und Lucien Jenny

Das ist inzwischen anders. So werden Breisach-Besucher wie Einheimische an den Ortseingängen mit großen Transparenten begrüßt, auf denen die Anschaltung von Fessenheim gefordert wird. Die stammten jedoch nicht von den Akw-Gegnern, sondern von der Stadt, freut sich Gustav Rosa. Auch Breisachs Bürgermeister Oliver Rein habe die Montagsmahnwache inzwischen besucht, erzählt Rosa verschmitzt lächelnd.

"Wir sind überzeugt, dass sich einige freuen, wenn das Akw zu ist. Aber viele trauen sich nicht, das zu sagen", beschreiben Denis Hassenfratz und Lucien Jenny die Stimmung jenseits des Rheins. Beide kommen aus dem Elsass und sind seit vielen Jahren regelmäßig bei der Montagsmahnwache dabei. Auch sind beide Mitglieder der CIVI, der Citoyens vigilants des environs de Fessenheim. Das heißt auf Deutsch in etwa "wachsame Bürger aus der Umgebung von Fessenheim".

Kritik an Energiepolitik Frankreichs

Und wachsam sind die Herren – insbesondere auch in Sachen Energiepolitik ihres Landes. Es könne schlicht nicht sein, dass die französische Atomaufsichtsbehörde ASN die Kraftwerke des staatlich dominierten Energieriesen EDF kontrolliere, bemängeln die Männer die enge Verknüpfung zwischen Aufsichtsbehörde und zu Beaufsichtigendem. In einer der Montagsmahnwachen hatte die Franzosen sogar ein kleines Theaterstück inszeniert, das eine Hochzeit von ASN und EDF als Braut und Bräutigam romantisch in Szene setzte. Und obwohl im Gespräch mit lokalen und regionalen Politikern wie dem Präsidenten der de la Communauté de Communes du Pays de Brisach, Gérard Hug, und der Präsidentin des Département Haut-Rhin, Brigitte Klinkert, die Signale deutlich auf Stilllegung stünden, gebe es in den Dörfern rund um Fessenheim noch regelrechte Grabenkämpfe, bedauern Hassenfratz und Jenny.

Elsässischer Crémant zum Jubiläum der Mahnwache

Bea Hassenfratz sitzt im Gemeinderat des gerade einmal knapp 850 Einwohner großen Rustenhart, das nur einen Steinwurf weit entfernt vom Akw liegt. Sobald sie sich gegen das Kraftwerk äußere, so berichtet Lucien Jenny, werde es frostig im Ort. Ohnehin seien "Mahnwachen im Gustav-Stil" in Frankreich derzeit sehr schwer, bekennen die Elsässer. Aufgrund von Terrorgefahr und Gelbwesten-Protesten seien Genehmigungen kaum zu bekommen.

"Wir sprechen in zwei Sprachen, aber mit einer Stimme."
Initiator der Mahnwache Gustav Rosa

Bei der Montagsmahnwache hingegen wird es friedlich-gemütlich, denn schließlich gibt es anlässlich des Achtjährigen Grund zu feiern. Initiator Rosa verspricht elsässischen Crémant aus deutschen Gläsern. Mit geölten Kehlen wird, wie bei jeder Montagsmahnwache so auch bei der 417. Ausgabe, "Die andere Wacht am Rhein", ein bi-nationales Protestlied, angestimmt. Kleine Flyer machen die Runde. Am 27. April soll der Katastrophe von Tschernobyl mit einer grenzüberschreitenden Großveranstaltung gedacht werden. "Wir sprechen in zwei Sprachen, aber mit einer Stimme", sagt Gustav Rosa. Und diese wird erst verstummen, wenn das Akw Fessenheim abgeschaltet ist.

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